Immer ein Schritt nach dem anderen. Anders lassen sich bei uns in der Schweiz Veränderungen oft nicht umsetzen. Das gilt vor allem auch für das öffentliche Bauwesen, wo Projekte schnell einmal fünf bis zehn Jahre dauern können, bis sie wirklich umgesetzt sind.

Auch unser Weg bei Hochbau Stadt Bern zum Thema Nachhaltigkeit wird – ich glaube man darf das sagen – mittlerweile auch für Aussenstehende immer besser wahrnehmbar. So verlagern wir in unseren Projekten den Fokus auf prozessuale Labels oder setzen auf Lowtech statt auf reine Symptombekämpfung mit viel zusätzlicher Technik.

Schwieriger Spagat

Betrachtet man hingegen nur die Gebäude, die wir kürzlich eingeweiht haben, könnte man manchmal fast glauben, wir hätten mit unseren «Hausaufgaben» in Sachen Nachhaltigkeit noch gar nicht begonnen. Einige verkörpern noch eine Konstruktionsweise mit wenig Rücksicht auf Graue Energie, weder in der Herstellung der Baumaterialien noch unter Berücksichtigung eines späteren Umbaus oder Rückbaus.

Das bedeutet für uns häufig ein schwieriger Spagat gegenüber der Öffentlichkeit. Sie ist sich oft nicht bewusst, dass die wesentlichen Entscheide zur Nachhaltigkeit eines Projektes bereits in der Phase des Wettbewerbs gefällt werden und somit zum Zeitpunkt des Bauendes bereits fünf oder mehr Jahre zurückliegen.

Eindimensionale Investitionskostenbetrachtung

Eine zweite Wahrnehmungsdifferenz betrifft die Kosten. Blickt man zurück, so bedeutete «ökologische Nachhaltigkeit» in einer ersten Phase primär, die Aussenhülle unserer Gebäude möglichst gut zu dämmen und die Wärmeverluste tief zu halten. Erst später fokussierte man vermehrt auf die Erneuerbarkeit der Energiequellen wie Sonne, Holz, Luft- oder Erdwärme.

Damit rückten zwar auch die Betriebskosten und die Amortisationsfristen der zu Beginn noch teuren Installationen vermehrt in den Fokus vieler Bauherrschaften. Trotzdem beginnt man vielerorts erst heute, sich langsam aus der Eindimensionalität der Investitionskostenbetrachtung zu verabschieden. Lange Zeit interessierten auch in der Politik nur die reinen Baukosten, obwohl die Kosten über die gesamte Lebensdauer eines Gebäudes rund vier Mal höher sind.

Relevante Lebenszykluskosten

Mit der Klimadebatte rückt nun in der ökologischen «Waagschale» eine zusätzliche Grösse in den Fokus: die Graue Energie. So wie defekte elektronische Geräte heute kaum mehr repariert werden, da der Austausch und das Wegwerfen der alten Geräte vermeintlich billiger wären, wurde bis vor kurzem bei Arealentwicklungen und den Verdichtungen unserer Städte der Abriss bestehender alter Gebäude kaum hinterfragt und als selbstverständlich vorausgesetzt.

Wie andernorts auch haben wir in der Stadt Bern nun schon etwas länger begonnen, Lebenszykluskosten als entscheidende Grösse in unsere Kostenbetrachtungen aufzunehmen. Der Einbezug der Grauen Energie in unsere Projektentscheide wird dazu führen, dass wir den Wert unserer bestehenden Liegenschaften erkennen und vermehrt am Bestand von Bauten festhalten werden.

Möglicherweise wird künftig die ästhetische Reinheit unserer Städte etwas in den Hintergrund rücken und ein Konglomerat aus Alt und Neu stärker das Bild unserer Städte prägen. Die aufkommende Kreislaufwirtschaft der einzelnen Bauteile wird nochmals das Ihre dazu tun. Zum Glück stehen die beiden Begriffe «Nachhaltigkeit» und «Langfristigkeit» in einem engen Verhältnis, so dass die Geschwindigkeit zur Umsetzung von Massnahmen zwar als bedeutend, ihre Wirksamkeit jedoch als noch weit entscheidender einzustufen ist.

 

Autor

Thomas Pfluger ist Stadtbaumeister der Stadt Bern. www.bern.ch