Von der Zukunft der Vergangenheit

Langsam spazieren wir durch schweizerische Landschaften – geniessen die Sonne, fühlen uns wohl, erfreuen uns an den Eindrücken von Gelassenheit, Sicherheit und Zuverlässigkeit.

Ist das jetzt alles vorbei? Überformen wir jetzt diesen Zustand mit dem Begriff einer neuen Wertvorstellung? Ist Nachhaltigkeit die Aufgabe des uns so Liebgewonnenen? Nein – sie ist es nicht.

Reduktion der Ressourcen

Nachhaltigkeit in ihrer besten Form bedeutet, unserer Umwelt und unserer Geschichte eine Zukunft zu geben. Eine Zukunft, die dadurch geprägt sein wird, dass wir für das Weiter-Entwickeln unserer Werte lernen müssen, diese Werte mit einem viel niedrigeren Aufwand an Ressourcen zu erzielen. Diese Reduktion der Ressourcen bedeutet: weniger Land, weniger Energie, weniger Material, weniger Verkehr – das heisst, dieser alte Satz des «weniger ist mehr» ist die Grundlage des Verständnisses. Das bedeutet auch, weniger Gesetze, weniger Vorschriften.

Nachhaltigkeit lässt sich nur in Einzelaspekten in Zahlen erfassen, aber in ihrer Ganzheitlichkeit ist sie eine Wertvorstellung, ein Lebensgefühl, die unseren Alltag durchzieht. Sie ist in dieser umfassenden Form erleb- und spürbar und ich bin so berührt davon, dass in den jungen Leuten dieses Gefühl des Teilens, das Gefühl des Commons, sich diesen Wertvorstellungen zuwendet.
Diese Veränderung ist bedingt durch ökonomische und soziale Veränderungen und ein Ausdruck dafür, dass sich in der Geschichte immer jene Strategien und Werthaltungen durchsetzen werden, die den grössten Nutzen für alle Teilnehmenden mit sich bringen.

Neue Perspektiven

Natürlich führt das dazu, dass wir etliches von dem, was wir gewohnt sind, infrage stellen und über Bord werfen werden. Aber war es wirklich ein grosses Unglück, dass die Malerei durch die Fotografie, die Kutschenfahrten durch das Auto, das Auto durch den öffentlichen Nahverkehr ersetzt wurden? Nein – es war kein Unglück.
Es war jener grosse Fortschritt, den uns die Geschichte gebracht hat. So sehr wir als zum Teil Betroffene von solchen Umstellungen berührt werden, so sehr eröffnen diese Veränderungen auch neue Perspektiven, neue Möglichkeiten. Was diesen notwendigen Veränderungen allerdings allen gemeinsam ist, vor welcher Herausforderung wir stehen, ist, dass wir nicht mehr den Menschen durch die materiellen Güter, die er um sich schart begreifen, sondern dass wir den Menschen viel mehr als ein soziales, emotionales, kulturell bestimmtes Individuum begreifen. In einem alten Soziologen-Deutsch: dass wir den Schritt vom Schein zum Sein zu machen haben.

Wissen und Haltung

Das für mich so Erfreuliche besteht darin, dass die menschlichen Qualitäten, die menschlichen Wertvorstellungen, aber vor allen Dingen das menschliche Wissen zur Schlüsselfrage des Gelingens, der Erreichung der Ziele der Nachhaltigkeit wird. Wissen und Haltungen werden Technik und materielle Güter ersetzen.

Dass dies alles nicht eine Frage einer kurzfristigen, wirtschaftlich getriebenen Erfolgsbilanz ist, sondern von langfristiger, menschlich getriebener Zufriedenheit, ist augenscheinlich.

Insofern ist ein Denken über Nachhaltigkeit ein Denken über lange Zeiträume, über grosse Distanzen, über viele Menschen und deren individuellen Bedürfnisse. Über allem – speziell in der Wertschätzung der individuellen Bedürfnisse – wird die Vorstellung des Zusammenlebens Vieler das Gerüst bilden, vor dem sich der Einzelne verwirklichen kann. Nachhaltigkeit bedeutet, dem Glauben an ein sinnhafteres, schöneres, interessanteres Leben nichts aufzubürden, sondern sich dafür anzustrengen.

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Prof. Dietmar Eberle studierte Architektur an der TU Wien und diplomierte 1978 bei Anton Schweighofer. Er führt das international renommierte Büro Baumschlager Eberle Architekten mit weltweit zwölf Standorten in acht Ländern. Seit 1983 lehrt er kontinuierlich in Hannover, Wien, Linz, Zürich, New York, Darmstadt und Hong Kong. Von 1999 bis 2018 war er Professor an der ETH Zürich, inklusive Leitung des ETH Wohnforums.
www.baumschlager-eberle.com